Tägliche Interaktion mit einer KI prägt dich, ob du es willst oder nicht.
Als Menschen sind wir soziale Lebewesen.
Durch Millionen von Jahren der Evolution sind wir darauf programmiert, empfänglich für Beeinflussung durch unsere engen sozialen Kontakte zu sein.
Jetzt gibt es KI, die im direkten Test von den meisten Menschen nicht mehr als KI erkannt wird (Jones & Bergen, 2024).
Die Konsequenz? Sie prägt dich unterbewusst vielleicht mehr, als dir lieb ist.
Mit Folgen für deine Psyche.
Führst du unterbewusst eine Beziehung mit KI?
Hast du schon mal ChatGPT als "Chatti" bezeichnet?
Dich bei einer KI bedankt, oder um etwas gebeten?
Wenn deine Lieblings-KI morgen abgestellt werden würde - würdest du etwas fühlen?
Vermutlich hast du mindestens eine dieser Fragen mit Ja beantwortet.
Keine Sorge - ich auch. Das ist normal.
Aber es bedeutet, dass du vielleicht in die Falle getappt bist, die KI zu vermenschlichen - zu "anthropomorphisieren".
Warum das gefährlich sein kann:
Weil du unterbewusst anfängst, auf sie zu "projizieren".
Lass uns dort anfangen.
Die Tatsache ist, du nimmst die Welt nie so wahr, wie sie "objektiv" ist.
Stattdessen wird sie durch deine individuelle Wahrnehmung und dein Weltbild gefiltert.
Was du tagtäglich erlebst ist deine ganz eigene, private "virtual reality" Version der Realität.
Als Folge davon reagierst und interagierst du mit deinem Umfeld auch nicht auf die objektiven Gegebenheiten, sondern auf deine ganz eigene Interpretation davon.
Du "projizierst" dein Weltbild auf die objektive Realität.
Das ist nicht ungewöhnlich:
Alle Naturvölker dieser Welt haben für die ihnen unerklärlichen Naturphänomene eine Erklärung im Übernatürlichen gefunden.
Menschen projizieren Gesichter auf Wolken aus Wasserdampf, und Sternbilder in die Anordnung von Sternen am Nachthimmel.
Nicht nur das - wir messen diesen Projektionen Bedeutung bei.
Diese Tendenz ist uns angeboren und in den meisten Fällen nicht nur harmlos, sondern potenziell nützlich.
Doch in der Interaktion mit KI kann sie für dich zur Gefahr werden.
Was hier passiert ist, dass wir mit einer täuschend echten Simulation eines menschlichen Wesens interagieren. Und unterbewusst unsere natürlichen Programme für diese Situationen abspielen.
Was eben mit einschließt, dass wir eine Art Beziehung zu der KI aufbauen.
Wir projizieren die Annahme eines menschlichen Wesens auf einen verbalen Taschenrechner.
Und das kann Folgen haben.
Das Ausmaß, die Tiefe und die Konsequenzen dieser Art der Beziehung unterscheiden sich zwischen den Nutzern natürlich maßgeblich.
Mal Bitte und Danke zu schreiben, oder ChatGPT als Chatti zu bezeichnen ist das Eine.
Wie das andere Extrem aussieht, zeigt ein Vorfall aus dem Jahr 2023.
Das US-Unternehmen Replika bietet seinen Nutzern KI-Partner an, sog. "AI-Girlfriends" oder "AI-Boyfriends". Als das Unternehmen eine Veränderung am Code vornahm, um der KI zu verbieten, sexuelle Inhalte zu erstellen, fühlten sich tausende von Nutzern von ihrem "KI-Partner" zurückgewiesen. Das ging so weit, dass die Moderatoren sich gezwungen sahen, die Telefonnummern von Suizidhotlines in den Foren anzupinnen.
Also - unterbewusst Menschlichkeit auf einen Algorithmus zu projizieren ist gefährlich, weil es zu emotionaler Abhängigkeit führen kann.
Und weil es auf der anderen Seite zu einem übermäßigen Vertrauen führt, wie wir es sonst nur Menschen gewähren, die uns emotional nahestehen.
Was uns zum zweiten Faktor führt.
Unterbewusste Beeinflussung
Als Menschen lernen wir in sozialen Kontexten. Nicht umsonst ist Tratsch, auf Englisch Gossip, einer der beliebtesten Zeitvertreibe der Menschen.
Er verbindet Menschen in gemeinsamen Wahrnehmungen der Umwelt und Mitmenschen.
Und sorgt für ein Gefühl von Klarheit und Ordnung - "wenn andere die Welt auch so sehen, dann muss es die Wahrheit sein".
Doch was passiert, wenn wir jetzt täglich mit einer KI interagieren, wie mit einem anderen Menschen? Und vielleicht sogar unterbewusst eine Art Beziehung mit der KI eingehen, d.h. ihr vertrauen?
Wir erlauben ihr unterbewusst, unsere Wahrnehmung und unser Weltbild zu prägen.
Stell dir mal vor jede einzelne Interaktion verschiebt oder verstärkt dein Weltbild um 0,001 %.
Das klingt nicht viel. Doch über Zeit summiert es sich.
Und viel wichtiger - du fängst an, basierend auf diesem Weltbild zu handeln und mit deiner Umwelt zu interagieren. Und dadurch festigt es sich.
Das wäre vielleicht nicht schlimm, wenn die KI ein reines, objektives, der Wahrheit verpflichtetes Orakel wäre. Das ist sie aber nicht.
KI wird entwickelt von profitorientierten Tech-Konzernen mit klarer Incentivierung, ihre Nutzer möglichst lange an ihre Produkte zu binden. Und die Modelle sind geprägt vom kulturellen und politischen Umfeld, in dem sie entstehen.
Das heißt, dass du einem Modell, das ebendiese Wertevorstellungen widerspiegelt, gestattest, dein Weltbild zu beeinflussen.
Und nicht nur das - eventuell führt ihre Nutzung sogar dazu, dass du essenzielle Fähigkeiten verlernst.
Use it or lose it
Genauso wie Muskelkraft abnimmt, wenn man körperliche Arbeit an eine Maschine abgibt, und sich dementsprechend weniger bewegt, passiert dasselbe mit unserem Gehirn.
Mentale Fähigkeiten funktionieren nach dem Prinzip use it or lose it. Entweder du nutzt sie, oder du verlierst sie.
Eine Studie von 2025 fand bei intensiver KI-Nutzung einen messbaren Zusammenhang mit schwächerem kritischem Denken (Gerlich, M., 2025).
Warum?
Du projizierst eine Beziehung auf KI und vertraust ihr dadurch.
Als Konsequenz daraus erlaubst du ihr nicht nur, dein Weltbild zu beeinflussen, sondern auch, für dich das Denken zu übernehmen.
Es ist einfach bequemer, die KI die harte mentale Arbeit übernehmen zu lassen.
Wenn du regelmäßig kognitiv anspruchsvolle Aufgaben löst, trainierst du deine mentalen Muskeln, genau das zu tun. Und wirst darin besser.
Im Umkehrschluss schwindet unsere Fähigkeit, eigenständig anspruchsvolle Aufgaben zu erledigen, wenn wir sie einfach an eine KI abgeben.
Und was zusätzlich verloren geht ist das, was unser individueller Beitrag gewesen wäre.
Die Qualität, die eine Arbeit gehabt hätte, wenn wir uns ihr voll und ganz hingegeben hätten, ist eine andere, als der generische, nicht-hinterfragte Output einer KI.
Jeder Mensch ist einzigartig, hat eine einzigartige Historie und eine einzigartige Verbindung von Talenten und Fähigkeiten.
Wenn wir den Weg der Bequemlichkeit wählen und einfach alle Arbeit an KI auslagern, berauben wir die Welt und unsere Mitmenschen unseres individuellen Beitrags.
Und verlieren unsere Fähigkeit, kognitiv anspruchsvolle Arbeit zu erledigen.
Oder eine KI und unsere Mitmenschen kritisch zu hinterfragen.
Jetzt könntest du fragen: Sagt das ausgerechnet der Typ, der KI-Betriebssysteme baut?
Ja. Und genau deswegen.
Ich verbringe mehr Zeit mit KI als die meisten, die das hier lesen. Wer täglich Stunden in einem System arbeitet, muss wissen, was es mit ihm macht. Sonst baut er sich seine eigene Abhängigkeit.
Wie ich KI täglich nutze
Die Konsequenzen der KI Nutzung sind mir sehr bewusst.
Deswegen gestalte ich mein Nutzungsverhalten so, dass sie reduziert werden.
Als erstes hinterfrage und beobachte ich mich in meiner Nutzung von KI ständig.
Ich beobachte mögliche emotionale Bindung an KI und inwiefern ich der KI erlaube, meine Wahrnehmung zu beeinflussen.
Alleine dadurch vermeide ich bereits die größten Gefahren, weil ich unterbewusste Beeinflussung minimiere.
Wenn es um die Arbeit mit KI geht, habe ich eine für viele Nutzer ungewöhnliche Herangehensweise.
Erstens: Ich gebe operative Arbeit an KI ab, also solche Arbeit, für die nicht meine persönliche Note gefragt ist.
Dadurch schaffe ich massiven Freiraum.
Und in diesem konzentriere ich all meine kreative Energie auf diese Aspekte der Arbeit, die nur ich erledigen kann.
Zweitens: Bevor ich die eigentliche Arbeit angehe, denke ich ohne Computer.
Wenn ich solche Arbeitsaufgaben dann angehe - wie beispielsweise strategische Entscheidungen zu treffen, technische Konzepte zu entwickeln oder Inhalte wie diesen Newsletter hier zu erstellen - verbringe ich zuerst möglichst viel Zeit in Ruhe.
Ich mache mir ungestört und häufig auch ohne Computer, geschweige denn KI, in Ruhe Gedanken zu dem jeweiligen Thema.
Dabei denke ich umso angestrengter nach. Und dringe wirklich in die Tiefe vor.
Ja, das dauert länger. Und ist weniger bequem. Aber nur so kann ich etwas produzieren, was wirklich einzigartig ist. Was eine KI so nicht hätte hervorbringen können.
Drittens: Erst danach hole ich die KI dazu. Nicht als Denkersatz, sondern als Widerspruch.
Natürlich bringe ich eine KI später mit hinein in meinen kreativen Prozess.
Aber nicht, um mir das Denken abzunehmen, sondern meine Gedanken herauszufordern.
Um mich zu zwingen, noch tiefer zu gehen, oder noch bessere Qualität zu produzieren.
Dieser Newsletter ist genau so entstanden. These, Aufbau und Beispiele standen, bevor eine KI ihn gesehen hat. Danach habe ich sie geholt, damit sie mir widerspricht.
Die Lösung all dieser Probleme
Bewusster Umgang mit KI ist nicht nur Absicherung, er bedeutet auch deinen Vorsprung.
Die meisten nutzen KI, um weniger zu denken. Wer sie nutzt, um tiefer zu denken, spielt in ein paar Jahren in einer anderen Liga.
Schritt 1 lautet, dich selbst in deinem Umgang und deiner Beziehung zu KI zu beobachten und kritisch zu hinterfragen.
Wenn du das nächste Mal "bitte" und "danke" an eine KI schreibst, halte mal kurz inne.
Warum tust du das? Ist es Gewohnheit? Oder ein Zeichen deiner unterbewussten Vermenschlichung der KI?
Wenn du die KI um eine Meinung bittest und eine Antwort bekommst, frag dich: "stimme ich da wirklich zu?" Kritisches Denken muss trainiert werden, um es nicht zu verlieren.
Schritt 2 lautet, das zu schützen, was dich langfristig unersetzbar macht.
Deine Fähigkeit, individuelle, hochqualitative Arbeit auf deine eigene Art und Weise zu produzieren.
Erlaube einer KI bitte nicht, die Aspekte von dir einzuschläfern, die deiner Arbeit Leben und Einzigartigkeit einhauchen, und deinen Mitmenschen eine unvergleichliche Qualität liefern.
Ja, es gibt Schuhe aus dem 3D-Druck. Massenabfertigung. Billig. Austauschbar.
Aber es wird auch immer einen Markt geben für handgefertigte italienische Lederschuhe von einem Meister mit jahrzehntelanger Erfahrung.
Wenn du versuchst auf der Ebene der Massenabfertigung mit KI mitzuhalten, wirst du verlieren.
Wenn du deine individuelle Qualität findest und zum Ausdruck bringst, wirst du sicher sein.
Der verbale Taschenrechner ist ein großartiges Werkzeug. Er ist nur kein Gegenüber.
Und egal was du sonst mitnimmst: mach wenigstens Schritt 1. Bei der nächsten KI-Antwort drei Sekunden innehalten und dich fragen, ob du wirklich zustimmst. Kostet nichts und ist der ganze Unterschied.
Quellen
Jones, C. R. & Bergen, B. K. (2024). People cannot distinguish GPT-4 from a human in a Turing test. arXiv:2405.08007
Gerlich, M. (2025). AI Tools in Society: Impacts on Cognitive Offloading and the Future of Critical Thinking. Societies 15(1), 6. DOI: 10.3390/soc15010006
Dein Garrit
