Autokratische Regierungen fürchten KI.
Künstliche Intelligenz hat ein massiv disruptives Potenzial für die Art und Weise, wie wir uns als Gesellschaft organisieren - vor allem mit Bezug auf politische Prozesse.
Was mir Sorgen bereitet:
Der Abstand zwischen dem, was KI kann, und der Unfähigkeit der politischen Systeme, darauf angemessen zu reagieren, ist nicht nur jetzt schon riesig, sondern wird immer schneller immer größer.
Dieses Spannungsfeld wird in den nächsten Jahren zu einem Bruch führen.
Die alten Systeme und Strukturen sind für die moderne Zukunft nicht geeignet.
Natürlich wird das turbulent - jeder systemische Wandel ist chaotisch.
Aber es gibt auch Hoffnung. Denn KI bringt ganz neue Möglichkeiten der politischen Organisation einer Gesellschaft.
Politik und KI
Politische Führung im Kern sollte immer repräsentativ sein - also den Willen des Volkes so akkurat wie möglich widerspiegeln. Doch in der Realität ist sie eher durch den Einfluss mächtiger Interessenverbände und einflussreicher Individuen, sowie den Eigenwillen politischer Machthaber geprägt.
Die Stimme des Bürgers wird in vielen Fällen nicht gehört, und schon gar nicht repräsentiert.
Doch genau das wird durch KI jetzt möglich.
Durch ihr Potenzial, riesige Datenmengen zu analysieren, auswertbar zu machen und Schlüsse daraus zu ziehen, kann sie - bei richtigem Einsatz - zu einer wahrhaftig repräsentativen Konsensfindung auf gesellschaftlicher Ebene führen.
Sie kann jeden Bürger mündig machen.
Das Internet als Fallstudie
Es gibt einen guten Grund dafür, dass autokratische Regimes das Internet fürchten.
China beispielsweise befindet sich seit Jahren in einem Kampf, das Internet zu zensieren.
In Ländern wie dem Iran wird sogar versucht das Internet komplett abzustellen.
Warum?
Weil das Internet dezentral und egalitär ist. Es ebnet das Spielfeld.
Statt einer kleinen Elite, die das Monopol auf Macht, Wissen und Meinungsbildung hat, erlaubt das Internet, dass jeder Bürger sich eigenständig informiert und eine eigene Meinung bildet (außen vorgelassen ist hier die Realität von verstärkter digitaler Propaganda und digitalen "echo chambers" die zu verstärkter Radikalisierung führen können).
Technologien, die mehr Macht und Selbstwirksamkeit in die Hände des Bürgers legen, sind eine Bedrohung für die Art und Weise, wie die politische Führungsebene Machtmonopole auf sich konzentriert.
Und jetzt kommt KI
Das Internet kann demokratische Prozesse fördern, durch gleichen Zugang zu Wissen für alle.
KI verstärkt diesen Prozess. Und erweitert ihn dramatisch.
Nicht nur kann jeder Bürger sich mit KI Modellen eigenständig informieren - KI hat das Potenzial den Prozess der repräsentativen Demokratie in ihren Grundzügen zu verändern.
Eine der großen Stärken der künstlichen Intelligenz ist es, riesige Datenmengen zu analysieren, auszuwerten und darin Muster zu erkennen.
Unser Leben als Gesellschaft wird zunehmend digitaler, was bedeutet, dass immer mehr vom öffentlichen Diskurs sich in digitalen Foren abspielt.
Jede einzelne Meinungsäußerung im digitalen Raum lässt sich analysieren, aufbereiten, und auswerten. Dadurch besteht die Möglichkeit ein exaktes Stimmungsbild einer Gesellschaft in all ihren Nuancen abzudecken.
Und eben diese Nuance ist es, die verloren geht, wenn unser einziger Mechanismus der Beeinflussung des politischen Prozesses es ist, aus einer handvoll Parteien auszuwählen, welche Repräsentaten unsere Meinung vertreten sollen.
Das ist auch nicht bloße Theorie.
Rumäniens Premierminister hat 2023 einen KI-Berater namens Ion in sein Kabinett aufgenommen — eine KI, deren Aufgabe es ist, die Meinungen der Bürger in Echtzeit zu erfassen und der Regierung zugänglich zu machen. Ein erster, etwas unbeholfener Schritt.
Aber immerhin ein Schritt.
Wesentlich weiter ist Taiwan.
Dort gibt es seit 2014 eine Plattform namens vTaiwan, die mithilfe von KI-gestützter Analyse nicht einfach Meinungen sammelt, sondern gezielt nach Konsens sucht — über ideologische Grenzen hinweg.
Das Ergebnis: Ein sechsjähriger politischer Stillstand um die Regulierung von Uber wurde innerhalb weniger Wochen gelöst. Durch Bürgerbeteiligung, nicht durch Lobbyisten.
Die größten Hürden
Um ein solches System zu etablieren müssen einige Krisenherde navigiert werden.
Zu Beginn die Frage, wer entscheiden darf, welche Werte die KI vertritt, die Bürger informiert.
Aktuell bestimmen einige wenige Tech Unternehmer, was eine KI sagen darf und was nicht.
Ist das wirklich der Zustand, den wir zulassen wollen?
Als nächstes müssen wir uns anschauen, wer die Menschen sind, die aktuell digital ihre Meinung teilen. Ein wirklich repräsentatives Bild finden wir hier nicht - die Fraktionen, die sich in Foren aktiv zu politischen und gesellschaftlichen Themen austauschen gehören in vielen Fällen zu einer sog. vocal minority - also einer lautstarken Minderheit, meistens Anhänger der eher radikalen Perspektiven.
Ziviler, respektvoller und lösungsorientierter Diskurs bildet im Internet leider die Minderheit.
Es wäre nötig Foren zu schaffen, in denen jeder Bürger ermutigt und angehalten wird, seine oder ihre Meinung zu sensiblen politischen Entscheidungen zu äußern, oder eine Art digitales Umfragesystem einzuführen, das anonym abgehalten werden kann.
Soziale Medien neigen zu zunehmender Radikalisierung. Die unterliegenden Algorithmen sind auf maximale Gewinnerwirtschaftung programmiert. Ihre Anreizstruktur ist mit den Zielen politischer Konsensfindung nicht vereinbar.
Das sind einige der Problemherde, die gelöst werden müssen, bevor ein KI-gestützte Demokratie realisiert werden könnte.
Wie geht es weiter?
Unsere bestehenden politischen Prozesse sind veraltet und weder den Möglichkeiten des digitalen, noch des KI-Zeitalters gerecht.
Unsere politischen und gesellschaftlichen Systeme werden sich in den nächsten Jahren unter zunehmendem Druck verändern müssen.
Ich sehe das Potenzial, dass diese neue Technologie für uns mitbringt.
Aber ehrlicherweise bin ich gleichzeitig nicht optimistisch, dass wir es schaffen werden, diesen Prozess auf sinnvolle Art und Weise zu navigieren. Regierungen weltweit haben eine erstaunliche Resistenz gegenüber Veränderung, vor allem, wenn sie das Potenzial hat, ihre Macht zu untergraben.
Ich vermute, dass der Prozess kein leichter wird, wenn wir ihn denn überhaupt erfolgreich schaffen.
Das Einzige, was es ermöglichen würde, die Transition wirklich zu schaffen, sind Individuen mit Integrität und Kompetenz, und dem Wunsch, ihn auch wirklich zu bestreiten.
Leider ist das politische System aber keines, das solche Individuen anzieht.
Bis zum nächsten Mal.
Dein Garrit
