Im letzten Q&A kam eine Frage, die ich in letzter Zeit häufiger höre, meistens von Leuten, die schon eine ganze Weile dabei sind.
Sie klingt ungefähr so:
Ich habe das gebaut. Es funktioniert. Und trotzdem fühlt es sich noch nicht an wie ein Betriebssystem.
Das ist eine sehr präzise Beobachtung. Und meistens fehlt genau eine Sache.
Lass mich dir die drei Ebenen zeigen, aus denen ein vollständiges KI-Betriebssystem besteht. Die meisten haben eine. Manche haben zwei. Die dritte macht den Unterschied zwischen einem sehr guten Werkzeug und etwas, mit dem du dein Unternehmen tatsächlich steuerst.
Ebene 1: Der Agent
Das ist die Ebene, die du kennst, wenn du bei uns dabei bist.
Ein Sprachmodell, das Werkzeuge bedienen kann, dazu dein Wissen in Dateien, dazu Regeln, Fähigkeiten und spezialisierte Agenten für wiederkehrende Aufgaben.
Diese Ebene ist stark in allem, was sich nicht vorher festlegen lässt. Ein Angebot aus einem Gesprächsprotokoll schreiben. Eine Strategie durchdenken. Einen Text auf deine Art formulieren. Widersprechen, wenn du dich verrennst.
Sie ist stark, weil sie flexibel ist. Und genau daraus folgt ihre Schwäche.
Ein Sprachmodell arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten. Gib zehnmal denselben Auftrag hinein, und du bekommst zehn Varianten. Meistens ist das gut. Manchmal ist es genau das, was du nicht gebrauchen kannst.
Ebene 2: Die Automatisierung
Es gibt Abläufe in deinem Unternehmen, bei denen du keine Kreativität willst. Du willst Verlässlichkeit.
Ein Kunde kauft, also bekommt er seine Zugangsdaten. Jedes Mal. Gleich. Ohne Interpretation.
Dafür ist ein Agent das falsche Werkzeug. Nicht, weil er es nicht könnte, sondern weil er es tausendmal richtig und beim tausendersten Mal anders macht. Und weil er dabei ein Vielfaches kostet.
Hier gehört eine klassische Automatisierung hin. Wenn A passiert, dann B. In hunderttausend von hunderttausend Fällen dasselbe Ergebnis. Werkzeuge dafür gibt es reichlich, ich nutze selbst mehrere parallel, weil jedes andere Anbindungen mitbringt.
Das ist der Punkt, den ich dir mitgeben will: Die beiden Ebenen ersetzen einander nicht. Sie brauchen einander.
Der Agent ist gut in dem, was jedes Mal anders ist. Die Automatisierung ist gut in dem, was jedes Mal gleich sein muss. Wer alles in einen Agenten legt, baut ein System, das unzuverlässig und teuer ist. Wer alles automatisiert, baut eines, das an der ersten Ausnahme zerbricht.
Das Schönste daran: Die beiden Ebenen können sich gegenseitig anstoßen. Dein Agent kann eine Automatisierung auslösen. Und deine erste Automatisierung solltest du dir sowieso vom Agenten bauen lassen.
Ebene 3: Die Zahlen
Und das ist die Ebene, die fast überall fehlt.
Wenn du ein Unternehmen führst, ist deine wichtigste Tätigkeit nicht, Dinge zu erledigen. Es ist, Entscheidungen zu treffen. Und gute Entscheidungen brauchen ein verlässliches Bild davon, wo du gerade stehst.
Jetzt könntest du sagen: Kann mein Agent doch machen. Ich frage ihn einfach nach meinen Zahlen.
Kann er. Er rennt dann in acht verschiedene Systeme, sucht überall etwas zusammen, braucht ewig und liefert dir am Ende ein Bild, das du nicht nachprüfen kannst.
Der bessere Weg ist unspektakulär: eine eigene Datenstruktur, in die jeden Tag automatisch die relevanten Zahlen hineinfließen. Newsletter-Abonnenten, gebuchte Termine, wahrgenommene Termine, Käufe, neue Kunden, gekündigte Kunden. Jeder Schritt in deinem Unternehmen lässt sich in einer Zahl abbilden.
Ich habe vor der Selbstständigkeit als Data Scientist gearbeitet, und der teuerste Teil dieser Arbeit war nie die Analyse. Es war, überhaupt an verlässliche Daten zu kommen. Genau dieser Teil ist heute in wenigen Tagen aufgebaut.
Was daraus entsteht, verändert deinen Morgen. Du checkst in dein System ein und bekommst eine Auswertung dessen, was gerade passiert. Nicht sechs Wochen später aus einer Excel-Datei, sondern heute.
Und jetzt kommt der Teil, der die drei Ebenen verbindet: Dein Agent sieht diese Zahlen auch. Damit hört er auf, ein Assistent zu sein, der Aufgaben abarbeitet, und wird zu einem Gegenüber, das deine Lage kennt. Du kannst mit ihm über eine Entscheidung sprechen, und er argumentiert mit deinen echten Zahlen statt mit allgemeinen Ratschlägen.
Das ist der Moment, in dem sich das Ganze zum ersten Mal wie ein Betriebssystem anfühlt und nicht mehr wie ein sehr guter Assistent.
Was danach kommt
Zwei Dinge fehlen dann noch, und ich sage bewusst dazu, dass beide schwer sind.
Die Bedienbarkeit. Wenn du dein System selbst gebaut hast, arbeitest du wahrscheinlich in einer Entwicklungsumgebung. Das ist völlig in Ordnung, solange du der Einzige bist. Aber du wirst deine Buchhalterin nicht dort hineinbekommen. Für alle anderen braucht es eine Oberfläche, die aussieht wie ein normales Programm.
Mehrere Nutzer. Das ist die Königsdisziplin, und ehrlich gesagt der Punkt, an dem es richtig technisch wird. Zwei Fragen entscheiden alles: Wer darf was sehen, und was passiert, wenn zwei Menschen gleichzeitig dieselbe Datei ändern. Kein Geschäftsführer möchte, dass jeder die Gehälter aller anderen auslesen kann. Das ist lösbar, aber es löst sich nicht von selbst.
Beides sind die Themen, an denen ich gerade mit meinen Unternehmenskunden arbeite. Und beide sind der Grund, warum ich glaube, dass wir hier noch ganz am Anfang stehen.
Dein nächster Schritt
Schau dir an, welche der drei Ebenen bei dir steht.
Wenn du nur Ebene 1 hast, dann automatisiere einen einzigen wiederkehrenden Ablauf. Nur einen. Und lass ihn dir von deinem Agenten bauen.
Wenn du Ebene 1 und 2 hast, dann fang bei den Zahlen an, und zwar klein. Such dir drei Kennzahlen, bei denen du sofort merkst, wenn sie kippen. Nicht dreißig. Drei.
Der Fehler ist fast immer derselbe: zu breit anfangen. Ein System, das drei Zahlen zuverlässig liefert, ist unendlich viel mehr wert als eines, das dreißig halb erfasst.
Dein Garrit
